What about… Viskose

Wie nachhaltig ist Viskose? Woraus wird Viskose gewonnen und wie wird sie hergestellt? Eine Faserkunde.

Viskose ist aus den Kleiderschränken und unseren Stoffdepots kaum weg zu denken.
Ein Faserstoff, der fein und weich und daher angenehm auf der Haut ist, sich satt färben und in den schönsten Mustern bedrucken lässt. 

Viskose ist die ideale Faser für Fasermischungen mit z.B. Leinen und Baumwolle, kann als Web- & Strickware verarbeitet werden und wird mit der dadurch verbundenen Gewinnung vielfältiger Eigenschaften so massiv in der Bekleidungs- und Textilindustrie eingesetzt. Denn auch vernähen lässt sie sich unkompliziert und ist daher ein Dauerbrenner, wenn wir neue fließende, luftige Kleidungsstücke planen.

Aber auch im nicht-textilen Bereich ist Viskose omnipräsent; sie ist z.B. in Teefiltern, Banknoten, Tampons und Wattestäbchen enthalten.

Gewonnen wird Viskose aus Eukalyptus-, Pinien-, Bambus- oder Buchenholz und deswegen gern als natürliche Faser bezeichnet. Doch schaut man einmal genauer hin, ist diese Bezeichnung fehl am Platz.

Nimm Dir einen Kaffee und kommt mit auf einen kleinen Ausflug in die Errungenschaften der Textilchemie – und auch einen Einblick in ein düsteres Kapitel der Textilproduktion.

Viskose gehört zu den zellulosischen Chemiefasern. Diese wurden erstmals 1889 auf der Weltausstellung in Paris vom Chemiker Hilaire de Chardonnet als „künstliche Seide“ angepriesen – und die Menschheit war begeistert! Chardonnet auch, der wurde mit diesem Kniff nämlich innerhalb weniger Jahre Großindustrieller. Endlich war ein Imitat des unbezahlbaren Faserstoffs Seide für die breite Masse verfügbar. Wie war das möglich? Durch eine chemisch gelöste Spinnmasse, gewonnen aus Zelluloseverbindungen – Holz!

Wie wird Viskose hergestellt? – Der chemische Prozess kurz und verständlich

  • Der Rohstoff Holz wird entrindet und in streichholzlange Splitter zerteilt. Durch mehrmaliges Auskochen werden Harze und andere Fremdstoffe entfernt, nun sprechen wir von der Zellulose. Die wird gereinigt und gebleicht und anschließend zu festen Zellstoffplatten gedrückt.
aus Holz werden Zellstoffplatten

Um aus diesen Platten eine Faser zu gewinnen, setzt nun das revolutionäre „Viskoseverfahren“ ein: 

  • Zellstoffplatten werden in Natronlauge getränkt, die lockert die Molekülverbindungen
    (= Alkalisierung), die Masse wird trocken gepresst und wir sprechen nun von Alkalizellulose
  • Die Alkalizellulose wird in Flocken zerfasert, die lässt man 1 1/2 Tage ruhen (= Vorreife), in dieser Zeit verkürzen sich die langen Zellulosemolekülketten, damit die Masse später spinnbar ist
  • die Alkalizellulose badet anschließend 3 Stunden in Schwefelkohlenstoff/ CS2 (= Sulfidieren) um aufnahmebereit für die Natronlauge zu sein
  • Die Natronlauge wird verdünnt zur Masse gegeben, die dadurch zäh und gelb wie Honig wird.
    Damit darf sie als Viskose bezeichnet werden, denn sie ist nun eine Spinnlösung
  • Der Spinnlösung werden an diesem Punkt Farbstoffe oder Mattierungsmittel hinzugefügt
  • anschließend wird sie durch feine Spinndüsen in das Spinnbad aus Schwefelsäure, Natrium- und Zinksulfat gepresst. Dort erstarrt die Zellulose zu Filamenten.
    Das ist vergleichbar mit einer Spätzlepresse, die den Teig durchs Sieb ins Wasser presst, wo er fest wird – Allerdings riecht es bei der Viskosespinnung übel nach faulen Eiern, denn hier entsteht gleichzeitig Schwefelwasserstoff.
  • Die Viskose-Filamente werden gestreckt, gewaschen und getrocknet und als Filamentgarn
       aufgewickelt. Das wird später auf eine gewünschte Länge geschnitten, um daraus die
       Spinnfasern der Stoffproduktion zu entwickeln.

So also wird Viskose gewonnen. Ganz schön aufwendig – und ganz schön schädlich. 

Belastungen für Mensch und Umwelt? – Wie nachhaltig ist Viskose?


Dieser Prozess ist nicht nur extrem energieaufwändig, er ist auch mit hohen Risiken für Mensch und Umwelt verbunden:

Der Schwefelkohlenstoff, der über den Köpfen der Werksarbeiter hängt ist leicht fettlöslich, würde also über die Haut blitzschnell aufgenommen. Ohne Lüftungsanlage und Schutzkleidung wäre diese ätzende Zutat verantwortlich für Hautreizungen, Gefäßschäden und neurologische Schäden der Arbeiter. Die Dämpfe können ohne Schutz Sehstörungen und Ohnmacht verursachen.

Die Industrieabfälle gelangen im globalen Süden oftmals ins Wasser und verändern den PH-Wert, worunter Pflanzen und Tiere leiden. Der Rohstoff, das Holz, kommt vorrangig aus Monokulturen, die bewässerungsintensiv sind und durch die immer wachsende Nachfrage die Biodiversität zerstören. (Ersteres gilt nicht für Bambus, der braucht sehr wenig Wasser und wächst tatsächlich rasant nach – wächst allerdings nicht auf europäischen Boden und steht deswegen leider auf Grund seines weiten Transportweges nicht besser da.)

Die Arte-Reportage „Fast Fashion – die dunkle Seite der Billig-Mode“ zeigt die Auswirkungen dieses chemischen Fasergewinnungsverfahrens für die Arbeiter der Birla Group, des weltweit größten Viskose-Konzerns mit Sitz in Mumbai:
Die  Arbeiter sind neben den oben genannten fehlenden Schutzmaßnahmen genau wie die restliche Bevölkerung rund um das Werk dem verseuchten Grundwasser ausgesetzt. Und diese Wasserverschmutzung ist verantwortlich für körperliche Behinderungen wie Muskelschwäche, Lähmungen, Sprachverlust, Fehlgeburten und Wachstumshemmungen. 


Wie wahrscheinlich ist es, dass wir schon einmal Viskose aus Birla oder einer ähnlichen Produktionsstätte als Fast Fashion gekauft oder als Meterware vernäht haben? Gar nicht so unwahrscheinlich. Und nun? Finger weg von Viskose?

Nein! Besser wäre es doch, wenn wir anfangen, auf die Händler zuzugehen und zu fragen: aus welcher Produktionsstätte kommt das? Und Ihnen einen Gedankenanstoß zu geben, wenn sie dazu keine Aussage machen können/ wollen. Und natürlich, sich nach Alternativen umzuschauen.

Denn es gibt noch andere Produzenten von Viskose – für die Arbeits- und Umweltschutz ein zentrales Ziel sind, am zuverlässigsten ist ein Kauf aus einer Produktion in Europa, in Ländern, in denen es gesetzliche Auflagen für beide Aspekte gibt. Nur sind die eben nicht in jedem Online-Shop vertreten, denn sie haben sehr wahrscheinlich ein anderes Preissegment. Warum? Eben weil unter anderem ein nachwachsender Anbau des Rohstoffes, Luft- und Wasserfilteranlagen, Schutzausrüstung, Arbeitssicherheits-Schulungen, und ein fairer Lohn mit anderen Kosten verbunden sind.

Ein viel genanntes Beispiel dafür ist die Firma Lenzing, mit Hauptsitz im österreichischen Salzkammergut (und Zweigstellen in Tschechien, Groß Britanien, China, Indonesien und den USA). In der Zentrale werden in Kooperation mit einer Vielzahl an Universitäten innovative Prozesse zur Gewinnung zellulosebasierte Fasern entwickelt. 

Aus der Viskose wurde somit EcoVero, Viskose, die nicht aus tropischen Bambus- oder Eukalyptusholz gewonnen wird, sondern aus europäischen Pinien- oder Buchenholz. Mehr als 60% stammen davon aus dem unmittelbaren Umfeld, nämlich Österreich und Bayern um die Transportwege emissionssparend zu verkürzen. Von dem Viskosespinnverfahren kann man nicht abweichen, aber der Hersteller verspricht „50% weniger Emissionen und Wasserbelastung im Vergleich zu generischer Viskose“ (https://www.ecovero.com/de/) und kann die Sozialstandards der Arbeiter garantieren. 

Eine noch bewusstere Lösung war die Entwicklung eines alternativen Faserstoffes mit ganz ähnlichen Eigenschaften: Tencel /Lyocell . Ein wirklich spannender neue Faserstoffe, der ein eigenes Kapitel der „What about…“ Serie wert ist.

Bitte informiere Dich weiter zu diesem Thema und nutze auch gern meine Quellen:

Die Historie: Fachwissen Bekleidung (Europa Lehrmittel)
Einsatzgebiete: https://www.chemie-schule.de/KnowHow/Viskose
Das Spinnverfahren: https://kirste.userpage.fu-berlin.de/chemistry/kunststoffe/viskosyn.htm; Fachwissen Bekleidung (Europa Lehrmittel)
Fakts about Birla: Arte-Dokumentation, Konzernseite: https://www.adityabirla.com/
Facts about Lenzing: https://www.lenzing.com/


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von: Lotta

Über die Autorin

Hey, ich bin Lotta! Ich stelle mir ständig Fragen und will wissen, wie etwas funktioniert. Genauso gerne bin ich mit den Händen kreativ. Beides zusammen vereine ich als Stoffetauschen-Autorin. Hat dir mein Artikel gefallen? Hast du eine Frage oder Anmerkung? Schreibe mir gern einen Kommentar

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